Über die Liebe, das Leben und den Tod

In diesem Beitrag möchte ich meine Übersetzung des Buches O miłości, życiu i śmierci. Opowieści o Żydach gliwickich (Über die Liebe, das Leben und den Tod. Die Geschichte der Gleiwitzer Juden) vorschlagen. Dieses Buch ist eine Veröffentlichung des Museums in Gliwice (Gleiwitz) Dom Pamięci Żydów Górnośląskich. Das Haus der Erinnerung an Juden aus Oberschlesien. (Manche Stellen der Übersetzung werden noch überarbeitet.)

Barbara Skubella-Klimczyk, Schriftführerin der DPG-BW

Orginaltitel: O miłości, życiu i śmierci. Opowieści o Żydach gliwickich
Autoren: Jacek Maniecki, Marek Wojcik
Jahr: 2017


Über die Liebe, das Leben und den Tod. Die Geschichte der Gleiwitzer Juden

Die Vergangenheit der Stadt Gleiwitz reicht bis ins XII. Jahrhundert, in eine Zeit, als Menschen jüdischen Glaubens sich hier ansiedelten. Oberschlesien wurde dieser Landstrich übrigens erst später genannt.

Dokumente belegen, , dass Juden seit 1367 in Racibórz, seit 1373 in Koźle und Pyskowice, und seit 1395 in Bytom lebten. Zeugnisse dieser Art hat Gleiwitz nicht. Man kann nur vermuten, dass die kleine, im XVII und XIX Jahrhundert als Judengasse bezeichnete Straße (heute Ulica Krupnicza) ein Andenken an den hier im Mittelalter von Juden bewohnten Stadtteil ist.

Ähnliche Beweise jüdischen Lebens findet man in vielen Städten. Am berühmtesten dafür ist Frankfurt am Main, mittelalterlichen Ursprungs sind aber auch die uns naheliegenden jüdischen Straßen in Namysłów und Wrocław. Das Plateam Judeorum in Namysłów wurde zum ersten Mal 1321 erwähnt, die Breslauer Judengasse 1347.

Das Gleiwitzer Urbarium von 1580 nennt einen in der hiesigen Judengasse lebenden Petr Zid. Sein Nachname hatte vermutlich keinen Bezug zur Religion, auch der Vorname Petr war für Juden untypisch. Da alle gläubigen Gleiwitz verlassen hatten, könnte es sich um einen Christen mit jüdischen Wurzeln handeln. Die Mitte des XVI. Jahrhunderts gegen Juden gerichteten Verordnungen Ferdinand I von Habsburg waren noch folgenlos, der Edikt Rudolfs II von Habsburg vertrieb jedoch fast alle Juden aus Schlesien. Geblieben waren im Jahre 1600 ungefähr 120 Juden, die in den Enklaven Biała bei Prudnik und in Głogów lebten.

 

Im Reich der Habsburger.

Im XVII. Jahrhundert kamen wieder Juden nach Schlesien. Aus dem Jahre 1698 stammt der Eintrag, dass in Gleiwitz die 18-jährige Anna Renate Maria, Tochter des Pächters des städtischen Schankwirts und seiner Frau Magdalena, getauft wurde. Gewissermaßen beweist es die Anwesenheit ihrer jüdischen Eltern in Schlesien.

1717 wohnte in Gleiwitz Salomon Löbel mit seiner Familie. Auch er war Pächter des städtischen Ausschanks und der erste Jude, der in der Stadt ein Haus erworben hatte. (Kreuzung Plebańska- und Średniastraße) 1721 kam dann der 1705 geborene Jude Joseph Hirschel. Wie Salomon Löbel stammte er aus Rybnik. Eigentümer des Wohngebäudes am Ring Nr. 14 wurde in den 40. Jahren des XVIII. Jahrhunderts der Schankwirt Jakob Löbl (geb.1713).

 

Im Königreich Preußen.

Nach dem ruhmreichen Sieg Preußens über Österreich im Jahre 1740 kam ganz Oberschlesien und somit auch Gleiwitz, unter preußische Verwaltung. Der preußische Staat war pragmatisch und Menschen jüdischen Glaubens gegenüber weitaus toleranter als die katholische Habsburger Monarchie. Da es dem energischen König Friedrich II dem Großen an der Entwicklung des Staates lag, war er bereit, das Potential aller unternehmerischen Menschen zu nutzen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Dies betraf vor allem das damals unterentwickelte, rückständige Oberschlesien. Trotz vieler, sich wiederholender Proteste Gleiwitzer Christen, kamen also jüdische Familien in die Stadt. Da für die preußische Verwaltung Ordnung und Disziplin typisch waren, gibt es seit 1742 genaue Zählungen der in Glewitz lebenden jüdischen Bevölkerung.

Immer mehr Häuser, darunter kostbare Grundstücke im Zentrum, wurden jüdisches Eigentum: Joachim Abraham Loewenfeld war Besitzer des Gebäudes Ring Nr.14, das Haus am Ring Nr.3 gehörte 1790 Löbl Berel und seit 1791 Moises Aron Löwenstein.

Wann eine selbstständige jüdische Gemeinde in Gleiwitz gegründet wurde und wann Juden sich zum ersten gemeinsamen Gebet trafen, ist nicht bekannt. Den Regeln entsprechend, hätten es mindestens 10 Männer ab dem 13 Lebensjahr sein müssen. Vermutlich jedoch fand dies schon in den 50. oder 60. Jahren des XVIII. Jahrhunderts statt. 1763 erscheint in den Dokumenten ein gewisser Salomon Moyses, der als Schuldiener bezeichnet ist. Es bedeutet, dass er Religionslehrer war, da auch Synagogen unter den Begriff Schule fielen. Im Jahre 1764 wird Samuel Löbel, der Szojchet erwähnt. (Der Mann, der die Beschneidung durchführt). Beide Professionen deuten darauf hin, dass zu dieser Zeit in Gleiwitz eine jüdische Gemeinde existierte. 1796 wird als erster, offizieller Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Moses Wolff Gutman genannt. Wie bei Nitsche in der „Geschichte der Stadt Gleiwitz“ zu lesen ist, versammelten sich die Juden zum Gebet anfangs im Saal über dem Lagerraum des Jacob Händler, das heißt auf einer Etage im Haus in der heutigen Plebańska 6.

Seit dem Anfang des XIX. Jahrhunderts wuchs in Gleiwitz die Zahl der Juden und somit der von ihnen besessenen Liegenschaften. Schon 1807 waren die Häuser Nr. 3, 14 und 15 beim Ring, 4 Gebäude auf der Bytomska, eins auf der Raciborska, das erwähnte Haus Nr. 6 auf der Plebańska, eins auf der Tarnogórska, sowie insgesamt 18 andere, jüdisches Eigentum. Die davon beunruhigte Stadtverwaltung hatte Juden zwar verboten Liegenschaften zu erwerben, vor dem Gesetz war dies jedoch ungültig.

 

 

Preußisches Judenedikt von 1812.

Am 11. März 1812 erließ der Preußische König ein Gesetz, das allen in Preußen legal lebenden Juden die Staatsbürgerschaft zuerkannte. Paragraf 7 des Edikts formuliert es wie folgt: Die in Preußen lebenden Juden, die als Inländer anerkannt sind, sollten die gleichen Rechte und Freiheiten haben, wie die Christen, außer dieses Gesetz bestimmt es anders

Seit dieser Zeit konnten Juden sich ansiedeln und, wo auch immer sie es wollten, Liegenschaften erwerben. Dieses Gesetz war somit ein Durchbruch in der Geschichte der Gleiwitzer Juden. Obwohl betreffende Gesetze sich im Laufe der Jahre ständig veränderten, nicht immer zum Vorteil, waren Juden doch ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft. Dem Paragrafen 2 des Edikts zufolge, mussten Juden nicht nur beim Führen von Geschäftsbüchern Familiennamen benutzen, sondern auch beim Anfertigen rechtlicher Vereinbarungen und Erklärungen die deutsche oder eine andere lebendige Sprache benutzen. Die persönliche Unterschrift sollte der deutschen oder lateinischen Schreibweise entsprechen.

Manche Juden benutzen bisher nur Namen und Patronimika (Namen der Väter). Die Nachnamen bezogen sich hauptsächlich auf den Herkunftsort (zum Beispiel Huldschiner und Huldschinski von dem Ort Hultschin, heute Hlučin im Schlesichen Opawa), auf den Beruf (Händler), auf Charaktereigenschaften (Ehrlich) oder auf die für immer angenommenen Patronimika (z. B. Meyer). Es war möglich, dass Personen, die miteinander nicht verwandt waren, den gleichen Namen trugen, Brüder dagegen unterschiedliche Namen hatten. Dokumente wurden im lateinischen Alphabet unterschrieben.

1811, im Dokument, das den Kauf des Bauplatzes der geplanten Synagoge betraf, ist zum ersten Mal der Name des Gleiwitzer Rabbiners Samuel Biermann erwähnt. Nach dem Edikt nahm er den Nachnamen Morgenstern an.

1812 besuchten bereits 48 Kinder die jüdische Schule Die ersten Lehrer hier waren, außer dem Rabbiner, Izaak Sander und Lazarus Silber. Am 4. September 1812 wurde feierlich die neu erbaute Synagoge eröffnet. Sie stand an der Stelle des einstigen Gleiwitzer Schlosses (Kościelna 2).

Nachmittags und abends wurde am Ring Nr. 5, im Raum, der sich im Hause des Kaufmanns Nathan Lion befand. 1815 hatte die Gleiwitzer jüdische Gemeinde einen Friedhof gegründet, der, Regeln der Mischna entsprechend, außerhalb der Stadt in der Vorstadt Piasek lag. Bisher wurden Juden auf Friedhöfen in Wielowieś und Mikołów beerdigt.

Die jüdische Gemeinde verfügte ebenfalls auch über ein für rituelle Zwecke bestimmtes Badehaus. Die Mikwe befand sich an der Kreuzung Dolne Wały und ulica Zwycięstwa, zum ersten Mal erwähnt wurde sie 1843.

 

Die industrielle Revolution

In der ersten Hälfte des XIX Jahrhunderts, im Zeitalter der industriellen Revolution die in Oberschlesien stattfand, hatte sich Gleiwitz rapide entwickelt. Zwischen 1810 und 1843 wuchs die Einwohnerzahl mehr als zweifach – von 2990 auf 6931, die Zahl der Bürger mosaischen Glauben vierfach – von 170 auf 725. Es muss dabei gesagt werden, dass die preußischen Juden, ihren aus Kongresspolen eingewanderten Glaubensbrüdern gegenüber, negativ eingestellt waren – sowohl wegen kultureller Unterschiede, als auch aufgrund der Armut der Immigranten. Da die jüdische Gemeinde verpflichtet war, ihnen zu helfen, kamen nach Gleiwitz Juden aus Schlesiens schwächer entwickelten Regionen oder aus dem damals zu Preußen gehörenden Großpolen, wo das Preußische Judenedikt von 1812 nicht galt und die Rechtslage der Juden somit schlechter war. Trotz des Edikts wurden auch Gleiwitzer Juden, obwohl sie einen bedeutenden Teil der Stadtbevölkerung bildeten, als Stadträte noch immer nicht zugelassen. Erst das Gesetz über die Verhältnisse der Juden aus dem Jahre 1847 hatte ihre Rechtslage in der städtischen Selbstverwaltung eindeutig festgelegt. Somit wurde Salomon Troplowitz zum ersten Stadtrat jüdischen Glaubens gewählt. Andererseits kam es in Gleiwitz im gleichen Jahr zu großen antijüdischen Ausschreitungen. Beschrieben hatte sie der in Gleiwitz lebende und praktizierende Arzt Max Ring (1817-1901), den man beschuldigte, für die Vorgänge verantwortlich zu sein. Nach dem Umzug nach Berlin wurde er als Chronist des dortigen Lebens berühmt. Ring, der wohl in Gleiwitz seit 1840 lebte, war aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes in Zeiten der damals ausgebrochenen Seuche, hochgeschätzt. Darüber hinaus engagierte er sich für die entstehende demokratische Bewegung und trat mit großem Erfolg auf Volksversammlungen auf. Somit wurde Doktor Ring zur Zielscheibe der reaktionären und ultrakatholischen Kreise, die, wie er sich erinnerte, alles unternahmen, um gegen ihn „den religiösen Fanatismus dumpfer Massen“ zu richten. „So, wie man im Mittelalter Juden beschuldigte Brunnenwasser zu vergiften und dadurch den Ausbruch der Choleraepidemien verursacht zu haben, so machte man sie nun für den Hunger und den damit verbunden Typhus verantwortlich und schob es dem Wuchern mit Getreide und Geld zu.

Den Anfang antijüdischer Unruhen in Gleiwitz machte ein anonymes Flugblatt mit dem Titel „Keine Emanzipation für Juden“. Max Ring veröffentlichte daraufhin eine in harte Worte gefasste Replik, die zur Eskalierung der Ereignisse führte: Die Wut und die Rachegelüste der durch meine Antwort betroffenen Feinde, übertraf alle Ahnungen. Sie wollten nichts anderes als meinen Tod. Die wahren Anführer, an deren Spitze ein ruinierter Bauer stand, wussten sehr wohl, wie man die nahenden Wahlen mit den damit verbundene Aufregungen nutzt und den, gegen mich seit langem aufgehetzten Mob, mit Lügen, Anschuldigungen, Geld und Schnaps gegen mich aufbringen kann. Die gierige Masse wurde mit der Perspektive, jüdische Häuser und Geschäfte plündern zu können, aufgemuntert.

Zunächst kam es zum Einbruch in Rings Wohnung, mit dem Vorhaben einer Selbstjustiz, dann fing man an, ihn in der Stadt zu suchen. Diese Ereignisse hatte Nietzsche in seiner Chronik festgehalten: In dieser Zeit versammelte sich eine immer größer werdende Menschenmenge, die „Alle Juden sind Betrüger“ rief. Dann zogen Bürger massenhaft in Richtung jüdischer Wohnungen. Scheiben wurden eingeschlagen, Möbel und andere Gegenstände zerbrochen und zum Teil sogar Vermögen gestohlen.

Infolge dessen hatte Doktor Ring die Stadt insgeheim verlassen und kehrte auch nie wieder zurück. Nach Jahren schrieb er: Ich sah es als Geschenk des Schicksals an, als einen Wendepunkt in meinem Leben, der mich aus kleinstädtischen Verhältnissen befreite.

1854 erhielt die jüdische Gemeinde ein Statut und die Rechtspersönlichkeit. Dazugehörige Mitglieder kamen aus Gleiwitz, Alt Gleiwitz, Nowa Wieś, Trynek, Żernik, Gierałtowice, Czekanów, Przyszowice, Rzeczyce, Szobiszowice, Szałsza, Łabędy, Brzezinka, und Ligota Zabrska.

Die 60er Jahre waren in der Geschichte der Gleiwitzer Juden eine goldene Zeit. Sie bildeten 20% der Einwohner (1867 wohnten 2009 Juden in Gleiwitz), ihnen gehörten 40% der Häuser. Zu dieser Zeit beschäftigt sich Juden nicht nur mit Kleinhandel, von ihnen gegründet, entstanden Sigfried Huldschinskys Walzwerke und Emanuel Friedlenders Kohle und Koks Großunternehmen. Die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde krönte der Bau der neuen Synagoge. Von Samuel Lubowsky entworfen, entstand sie in den Jahren 1859-1861.

Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass hunderte Fotografien, auf denen jüdische Menschen zu sehen sind, erhalten blieben. Aufgenommen hatten sie zwei Gleiwitzer Fotografen, Wilhelm von Blandowsky und Wilhelm Beerman. Obwohl beide evangelisch waren, sind viele der von ihnen porträtierten Personen Juden.

Es gibt ein sehr genaues Verzeichnis der ganzen Gleiwitzer Bevölkerung der Jahre 1840-1865. Da man daraus viel über die die Bewohner der Häuser, ihr Alter, ihre Berufe und ihre religiöse Zugehörigkeit erfährt, ergibt sich die Möglichkeit, das Gleiwitzer Leben dieser Jahre virtuell zu rekonstruieren.

Obwohl Gleiwitz sich dynamisch entwickelte, fingen Bürger mosaischen Glaubens nach 1867 langsam an, die Stadt zu verlassen. Somit schrumpfte zwar die Zahl der Juden in der Bevölkerung, ihre Bedeutung jedoch, aufgrund der von ihnen im großen Ausmaß geführten Geschäfte, verlor keineswegs an Geltung. Firmen wie Friedländer & Co und S. Huldschinsky & Söhne blieben in Gleiwitz weiterhin aktiv, auch wenn ihre Eigentümer mittlerweile nach Berlin gezogen waren. Gleichzeitig wuchs die Rolle der Aktiengesellschaften und Banken mit jüdischem Kapital, zu nennen wären die Oberschlesische Eisen-Industrie A.G. für Bergbau und Hüttenbetrieb, (Oscar Caro und der evangelische Rudolf Hegenscheidt), die Breslauer Wechselbank, (Jacob Frenkel und Isidor Steiner), Comand d. Breslau Discontbank (Ernst Lustig).

Auch im sozialen und kulturellen Leben der Stadt spielte die jüdische Bevölkerung eine keineswegs unwichtige Rolle. In der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts hatten sich Juden sich massenhaft an der Organisation und dem Funktionieren der Freiwilligen Feuerwehr beteiligt, die 1860 entstanden war. Zu den Mitbegründern des Feuer- und Rettungsvereins gehörten unter anderem Adolf Hultschiner, Marcus Wohlauer und S. Troplowitz. Zur gleichen Zeit, als Emanuel Friedländer die Gleiwitzer Handelskammer gründete, ließ Oskar Hultschinsky eine Arbeitersiedlung bauen und finanzierte das Entstehen einer katholischen Kirche. Die Gleiwitzer Juden gründeten ebenfalls eine eigene Freimaurerloge, die Humanitas (VII. No. 351).

Ilustracja: Ausschnitt aus dem Stadtplan Gleiwitz mit eingetragenen Familiennamen jüdischer Eigentümer.

 

Kriegs- und Zwischenkriegszeit.

Obwohl im XX. Jahrhundert neue Viertel an Gleiwitz angeschlossen wurden und die Zahl der Einwohner somit stieg (bis auf 60.000 am Anfang des Jahrhunderts, auf über 110. 000 im letzten Jahrzehnt vor dem II. Weltkrieg) lebten in der Stadt nicht mehr als 2.000 Juden. Diese Zahl blieb ungefähr konstant, da viele von ihnen, aufgrund eines natürlichen Ehrgeizes und dem Streben nach Erfolg, in reichere, vor allem in Großstädten konzentrierte Milieus emigrierten. Zum Teil war es auch die Reaktion auf die in der Provinz wachsende antijüdische Stimmung. Der Anfang des XX. Jahrhunderts lebende Plesser Archivist Ezehiel Zivier beschrieb es in Bezug auf ganz Oberschlesien auf folgende Weise: Der nationale Krieg wird hauptsächlich als wirtschaftlicher Krieg geführt. Die Kampfmittel sind Boykott und die ökonomische Unterstützung der eigenen Leute. Die polnische Bevölkerung bekämpft den Juden zweifach: als Deutschen und als Ungläubigen. So wird aus nationalen und religiösen Motiven zum Boykott des jüdischen Kaufmanns aufgerufen. Wenn der eine Grund nicht überzeugt, wird es der andere tun. Dem Boykott jüdischer Kaufleute seitens der Polen schließt sich der gesellschaftliche Boykott seitens der Deutschen Christen an. (Es kommt dazu in Oberschlesien, vor allem aber im ganzen Deutschen Reich). Mit der fürchterlichen Dummheit und dem ihr gleichen Zynismus, mit denen man den Juden im dunklen Mittelalter beschuldigte, durch Vergiftung der Brunnen die Schwarze Pest herbeigeführt zu haben, wird er in unseren scheinbar erleuchteten Zeiten von Nachfolgern für demoralisierenden Einfluss verantwortlich gemacht.

Dementsprechend lebten oberschlesische Juden schon am Anfang des XX. Jahrhunderts häufiger in Breslau oder Berlin als in ganz Oberschlesien.

Zu den für Gleiwitzer Juden wichtigsten Ereignissen gehörten am Anfang des neuen Zeitalters die Gründung des zweiten Friedhofs, der Bau der Friedhofshalle Na Zatorzu (1902-1903), die Restaurierung der Synagoge (1911), das Entstehen des Jüdischen Altersheims (1926) und die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt für besondere Verdienste an Mitglieder der Jüdischen Minderheit (Simon Freund erhielt sie 1892, Eugen Lustig 1917, Josef Kleczewski 1919 und Artur Kochmann 1928).

Einer der Beweise, dass sich Gleiwitzer (Oberschlesische) Juden an die deutsche Kultur und Staatlichkeit vollständig assimilierten, war ihre Beteiligung am I. Weltkrieg. Für die 40 an der Front gefallenen Juden, wurde 1930 auf dem neuen jüdischen Friedhof ein Denkmal errichtet.

Als infolge des I Weltkrieges Oberschlesiens östlicher Teil Polen zufiel und den Verkauf der Aktiva, die sich im deutschen Teil befanden nach sich zog, erlitten viele Firmen und Gesellschaften, darunter auch solche, die sich in jüdischer Hand befanden, erhebliche Verluste. Reagiert darauf wurde mit Fusionierungen und dem Bilden von Konzernen, insbesondere, da es oft die Bedingung war, Kredite zu erhalten. Infolge dessen identifizierte man einen Teil der Firmen nicht mehr als eindeutig jüdische Unternehmen. Solche, die sich dem entzogen, wurden später als erste von den Nazis arisiert, das heißt, aus dem Wirtschaftsleben verdrängt. Jüdisches Eigentum fiel damals an deutsche Unternehmer und staatliche Firmen, das Einverständnis dazu wurde oft zum Preis der Ausreiseerlaubnis erzwungen.

Ein anderes Beispiel, dass Juden schon vor dem Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze diskriminiert wurden, waren Massenentlassungen sowohl in privaten Unternehmen als auch und staatlichen Institutionen. Opfer dieser Praktiken war ein gewisser Franz Bernheim, der nach Gleiwitz beorderte Mitarbeiter großer Handelsketten. Als ihm im März 1933 gekündigt wurde, beschwerte er sich beim Völkerbund mit Berufung auf das 1922 erlassene Gesetz zum Schutze oberschlesischer Minderheiten, gemäß der Deutsch-Polnischer Konvention von 1922. Nachdem das Gericht den Fall untersuchte und zu Gunsten des Klägers entschied, war der deutsche Staat gezwungen, den Rechtsschutz für Juden in Oberschlesien wiedereinzuführen. Auf diese Weise entgingen sie anfangs Repressalien, den ihre Glaubensbrüder in anderen Regionen Deutschlands ausgesetzt waren. Nach Ende der Schonzeit, Mitte 1937, stand der Eliminierung der Juden aus dem öffentlichen Leben nichts mehr im Wege. Massenverfolgungen und Verbote bestimmte Berufe auszuüben, zum Beispiel den des Lehrers oder Juristen, fanden statt.

Da in jüdischen Wohnungen und Geschäften so viele Fensterscheiben zerschlagen wurden, ging die Nacht vom 9 zum 10. November 1938 als „Kristallnacht“ in die Geschichte ein. Vielleicht aber auch als Zeichen der „Kristallisierung“ des deutschen Volkes, das sich von Juden befreit hatte. Im Laufe nur einer Woche (vom 7. bis zum 13. November) wurden in ganz Deutschland 1400 Synagogen, Gebetshäuser, zahlreiche Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört. Somit ist die „Kristallnacht“ ein Symbol des Überganges von Repressionen und Diskriminierungen zur systematischen Vernichtung des jüdischen Volkes. Millionen jüdischer Menschen wurden in Vernichtungslager deportiert um in Gaskammern zu sterben.

Nicht anders war die „Kristallnacht“ in Gleiwitz: Mitglieder der SS zündeten die Synagoge an, am nächsten Morgen wurden um die 1000 Menschen verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Dort starb auch der Gleiwitzer Architekt Ernst Ritter, dessen Tod unter den Gleiwitzer Juden eine große Aufregung hervorrief. Es gab eine Welle der Emigration, wer jedoch damals nicht ausreiste, wurde in den Jahren 1942-1943 in Todeslager deportiert. Nur Juden, die Teil einer gemischten Ehe waren, konnten in Deutschland bleiben.

Das symbolische Ende der jüdischen Gemeinschaft in Gleiwitz, ist der 24 Dezember 1943, an diesem Tag wurde Artur Kochmann, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde verhaftet und ins Lager gebracht.

 

Die Zahl der Juden im Verhältnis zur Einwohnerzahl in Glewitz in den Jahren 1743-2002.

Das Jahr ……..

 

Gleiwitzer Bevölkerung…………

 

Zahl der Juden……………

 

Prozentzahl der Juden………….

 

Villa Caro, Dolne Wały 8A

Unser Spaziergang beginnt am Sitz des heutigen Museums. Dieses Gebäude gehörte zunächst Oscar Caro (1852-1931), dem Sohn einer reichen Breslauer Industriellenfamilie. Da sein Name altertümliche Wurzeln hat, unterscheidet er sich von anderen, im Reiseleiter genannten jüdischen Familiennamen. In verschiedenen Ländern als „Caro“, „Karo“, „Kara“ oder Quaro geschrieben, wird er vom hebräischen Wortstamm „Kara“ hergeleitet, das „lesen“ bedeutet. Als erster soll ihn der im II. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebende Rabiner Haninah Caro getragen haben, aus welcher Linie die Gleiwitzer Träger dieses Namens stammen ist jedoch nicht klar. Manche Quellen suggerieren, Oscar Caro sei in elfter Generation Nachfahre des in Toledo geborenen Rabbiners und Poseks. (Posek ist ein jüdischer Gelehrter, der eine bindende Entscheidung bei der Auslegung von religiösen Gesetzen treffen kann, die die jüdisch-orthodoxe Lebensführung, Halacha, betreffen) und des Kabbalisten Josef ben Efraim Caro, einer der wichtigsten Figuren in der Geschichte der Halacha (des jüdischen Gesetzes) und geistigen Führers einer ganzen jüdischen Generation. In der Situation, als sich halachische, von religiösen Autoritätspersonen ausgesprochene Meinungen unterschieden, war das Urteil des Poseks verbindlich. Nachdem, kraft des Edikts von 1491, Juden von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden, ließ sich Josef Karo in Palestina nieder, manche seiner Nachkommen kehrten jedoch nach Europa zurück. Oscar Caro soll in der fünften Generation Nachkomme des Rabiners Yosef Chaim Caro aus Leszno sein, in der vierten des Rabiners Arieh Jehuda Leib Caro aus Krotoszyn und in der dritten, Nachkomme Jacob Caros (1848-1931), des Rabiners in Służewo. Oscars Großvater, der vermutlich aus Leszno stammende Moritz Izaak Caro (1792-1860), trat nicht in die Fußstapfen seiner gelehrten Vorfahren. Schon 1807 hatte er in Breslau die Handelsgesellschaft M. J. Caro – Eisenhandel. Oscars Vater wiederum, Robert Caro, entschied sich, einen Teil des Familienvermögens in Oberschlesien zu investieren und erwarb in Laband (Łabędy) eine Mühle mit dem großen Gelände, das sie umgab. An dieser Stelle baute er 1848 die Hütte Hermine, deren Namensgeberin seine Frau (1826-1889) war, die Tochter des Samuel Kern aus Brünn. Geschäftspartner der Familie wurde Roberts Caros Schwager Heinrich Kern, Besitzer der Gleiwitzer Drahtfabrik H. Kern & Co. und einer nicht bebauten Parzelle, die Oskar Caro ihm abkaufte. Sie lag zwischen den heutigen Straßen Dolne Wały, Wyszyńskiego und Zwycięstwa.

Ursache dieser Investition war die zweifellos geplante und ein Jahr später geschlossene Ehe mit Flora, der Tochter des hiesigen Baumeisters Salomon Lubowsky. Mit dem ersten Entwurf seiner Gleiwitzer Residenz betraute Caro die Berliner Architektenfirma Ihne & Stegmüller. Ernst von Ihne, kaiserlicher Hofarchitekt, entwarf unter anderem den Palast für Friedländer-Fulda am Brandenburger Tor in Berlin und das Kavaliersschlösschen der Donnersmarks in Neudeck, heute Świerklaniec.

Realisiert wurde schließlich in den Jahren 1882-1885 ein weniger raffinierter Entwurf von Salomon Lubowsky. Der Familienname des ersten Besitzers ist durch das Initial „C“ verewigt, das sich über dem großen Fenster in der Nordöstlichen Wand befindet, Datum des Baubeginns ist in der Kartusche über dem inneren Haupteingang untergebracht. 1924 wurde die Villa leider aufgestockt, was ihre anfangs harmonischen Proportionen beeinträchtigte.

Ebenfalls zu beachten ist das Relief an der nordöstlichen Wand des Gebäudes. Es zeigt badende Nereiden, ein im XIX Jahrhundert populäres, hellenistischen Mustern entnommenes Motiv.

Nach Vaters Tod im Jahre 1875, leitete Oscar Caro den oberschlesischen Zweig der Familienfirma, sein Bruder Georg den Breslauer. 1887 war Oscar einer der Gründer der Oberschlesischen Walzwerke und des Deutschen Walzwerkbundes. 1883, nach dem Zusammenbruch der Familie Friedländer aus Beuthen, wurden Oscar und Georg Caro zu Eigentümern der Hütte Julia in Bobrek bei Beuthen. 1887 kam es zum Zusammenschluss der Hütte Hermine mit der Firma Heinrich Kern & Co. und der Hütte Baildon in Kattowitz. Infolge dieser Fusion entstand der Konzern Oberschlesische Eisenindustrie A.G. für Bergbau und Hüttenbetrieb. Seit 1889, als es zum Zusammenschluss mit der Gesellschaft Oberschlesische Drahtindustrie kam (Eigentum der Familie Hegenscheidt), verwalteten den Konzern zwei Generaldirektoren: Rudolf Hegenscheidt und Oscar Caro. Gleichzeitig baute Georg Caro den Breslauer Teil der Familienfirma gewaltig aus, was 1910 zur Vereinigung der Firmen M. J. Caro & Sohn, Eduard Lindner und Jacob Ravene & Söhne mit 40 Unternehmensfilialen führte. Auf diese Weise entstand die Vereinigung Deutsche Eisenhandels A.G. mit einem Betriebskapital von 23 Millionen Mark. 1905, 53-jährig, ging Oscar in Frührente. Er verzichtete dadurch auf den Sitz in der Verwaltung der Gesellschaft, behielt aber die Funktion des Direktors im Aufsichtsrat. Im gleichen Jahr beschloss Oscar Caro mit seiner Frau auf das wunderschöne Gut Paulinum in Hirschberg zu ziehen, was dann auch 1909 stattfand. Nominell blieb Oscar Eigentümer der Villa Caro, vermietete sie zunächst an einen gewissen Conrad Wolf, den Kommandanten des hiesigen Regiments, entschied sich dann aber, sie zu verkaufen. In der Zwischenkriegszeit, nach Änderung der Eigentumsrechte, wurde die Villa Eigentum der Stadt und somit Sitz des Gleiwitzer Museums.

Als Rentner widmete sich Oscar Caro der Wohltätigkeit und plante den Bau eines Hauses für Kinder der im Ersten Weltkrieg gefallenen schlesischen Soldaten. Die Schirmherrschaft sollte eine Stiftung mit dem Namen seiner Frau Flora übernehmen. Eine weitere, von ihm mit dem Bruder geführte Stiftung, die den Namen der Eltern trug, unterstützte Bedürftige verschiedenen Glaubens. In Breslau zum Beispiel ließ Caro zwei Häuser bauen mit über hundert Räumlichkeiten, die er zum halben Marktpreis vermietete). 1931 fast achtzigjährig, starb Oscar auf seinem Gut in Hirschberg. Von den drei Brüdern war er der langlebigste. Als erster, noch sehr jung, starb Carl (1850-1884), der in Wien lebte und erste Erfolge als Dramaturg an Wiener und Breslauer Bühnen feierte, als nächster Carl, der älteste Bruder und Doktor der Rechtswissenschaften. Kurz nach Rentenantritt erwarb er ein Gut bei Berlin und wurde auch geadelt. Nach ihm starb Paul, der jüngste der Brüder (1859-1914). Er komponierte, wurde aber als Komponist nicht bekannt.

Oscar Caros Sohn Robert (1885 in Breslau geboren, 1974 in Kalifornien verstorben) trat in die Fußstapfen des Vaters. An der Technischen Hochschule in Danzig hatte er Ingenieurwesen studiert, an der Züricher Universität Chemie. Berufserfahrungen erwarb Robert Caro in oberschlesischen und englischen Firmen, die Eigentum der Familie waren. Mit Felix Coutinho gründete er 1914 die bis heute existierende Stahlexportfirma Firma Coutinho, Caro & Co. mit Sitz in Hamburg. Trotz des beachtlichen Vermögens und vieler Beziehungen nahm er am I Weltkrieg teil, und das sogar als Freiwilliger in Formationen der Freischaren. Als der Krieg endete, saß Robert Caro im Rat großer Industrieunternehmen, wanderte aber nach 1933 in die Vereinigten Staaten aus, wo er auch starb.

Die Alte Synagoge, ulica Kościelna 2.

Ilustracja: Ausschnitt aus dem Gleiwitzer Stadtplan aus dem Jahr 1861 mit der eingetragenen Alten und neuen Synagoge.

Ilustracja: Ansicht von Gleiwitz aus den 60. Jahren des XIX. Jh. Fotograf Wilhelm von Blandowski. Zu sehen ist die hintere Fassade der neuen Synagoge und rechts davon das niedrigere Gebäude der alten.

 

Mit dem Anliegen, den Bau einer Synagoge zu genehmigen, wandten sich Gleiwitzer Juden schon 1803 und dann 1805 an die Stadt. Jedoch erst am 8 Juli 1811 gelang es ihnen, das geeignete Gebäude und die Parzelle Nr. 155 zu erwerben. Vermutlich war hier zuvor der Sitz piastischer Herzöge, Ende des XIX Jahrhunderts dann eine Seidenspinnerei. Interessanter Weise wurde auf Anordnung der Preußischen Behörde ein großer Teil des Terrains, wo sich früher die nun zugeschütteten Stadtgräben und die Gleiwitz umgebenden Schutzwalle befanden, seit den 70 Jahren als Plantage zum Anbau von Maulbeerbäumen genutzt. Durch die Seidenraupenzucht sollte die einheimische Seidenindustrie von ausländischen Importen unabhängig werden.

Urheber dieser Initiativen war der Gleiwitzer Polizeibürgermeister Johann Schwürtz (1705-1791). Ein Jahr nach dessen Tod erwarb seine Witwe die Spinnerei und einen Teil der Maulbaumgärten von der Stadt, 1811 kaufte die jüdische Gemeinde ihrem Sohn dieses Gelände ab.

Für das neue Gebetshaus nutzte man zunächst einen Teil des alten Gebäudes der Spinnerei. Obwohl die Stadtverwaltung die Genehmigung lange verweigerte, gelang es schließlich die Synagoge zu bauen und am 4 September 1812 feierlich zu weihen. Im Wesentlichen war es dem in diesem Jahr erlassenem Preußischen Judenedikt zu verdanken, das christlichen Bürgern der Stadt verbat, den Bau der Synagoge weiterhin zu verhindern. Zur feierlichen Eröffnung der Synagoge kamen neben Anhängern des Judaismus auch Vertreter der Stadt und der christlichen Kirchen. Benno Nitsche erwähnt den aus Slawentzit/Schlawentzitz, später Ehrenforst, heute Sławięcice) nach Gleiwitz angereisten Herzog von Anhalt-Köthen aus Pless, Offiziere der Garnison und der Bürgergarde, den Magistrat, zahlreiche Stadträte, Würdenträger, Pastor Ansorge und zwei katholische Priester von außerhalb.

Auf Fotografien, die erhalten blieben, ist zu sehen, dass die alte Synagoge ein formal bescheidener Bau war – rechteckig, mit einem flachen Satteldach und den von Lisenen geteilten Außenwänden.

Kaum 50 Jahre später erwies sich die Kubatur der Synagoge für die damals ständig wachsende Jüdische Gemeinde als zu gering. Das Gebäude wurde in eine Schule umgewandelt und 1884 abgetragen. Daneben entstand dann die neue Synagoge.

 

Die neue Synagoge

Der Grundstein wurde am 19 September 1859 gelegt, in Gebrauch wurde sie am 29 August 1869 genommen. Diesen Akt vollzog Rabbiner Michael Sachs (1808-1864) aus Berlin. Die Baukosten des unter Aufsicht der Maurermeister Salomon Lubowsky (1825-1889) und Simon Louis Troplowitz (1825-1889) entstandenen Gebäudes betrugen 25.444 Taler. Der im damals populären Rundbogenstil gehaltene Entwurf, war Lubowskys Werk und bezog sich in seinen äußerlichen Formen auf die von Albert Rosengarten 1839 entworfene Kasseler Synagoge. Die von zwei Pseudotürmen eingefasste Fassade erinnerte an neoromanische Kirchenarchitektur, was vermutlich Ausdruck der damals im Judentum starken Assimilationstendenzen sein könnte. Um diskret zu unterstreichen, dass sich der Bau doch vom seiner christlichen Umgebung unterschied, hatten nur die Kuppeln der Pseudotürme orientalischen Charakter. Über dem Eingang war in hebräischer Schrift ein Zitat aus dem Psalm 100: Jubelt dem Herrn zu, ihr Bewohner der Erde! Betet ihn voll Freude an. Kommt zu ihm und lobt ihn mit Liedern. Erkennt, dass der Herr Gott ist! Er hat uns erschaffen und wir gehören ihm. Wir sind sein Volk, die Schafe seiner Weide. Geht durch die Tempeltore mit Dank, tretet ein in seine Vorhöfe mit Lobgesang. Dankt ihm und lobt seinen Namen. Denn der Herr ist gut. Seine Gnade hört niemals auf, und seine Treue gilt für immer.

Ilustracja: Die Fassade der neuen Synagoge. 30. Jahre des XX Jh.

Den Innenraum umfassten zweistöckige Emporen, Aron ha-kodesz, die Bundeslade, wo die Thorarollen aufbewahrt wurden, stand in der kleinen dreieckigen Apsis. Entgegen der Tradition war die Fassade der Synagoge nicht nach Osten, sondern nach Nord-Osten gerichtet. So konnte sie sich dem Mehlmarkt (heute Plac Inwalidów) anpassen. Noch vor 1884 wurde das Gebäude erweitert. Die kleine Apsis wurde von einem rechteckigen, vom Hauptsaal durch eine Trennwand abgeschirmten Anbau ersetzt. An den Seitenwänden waren zwei Eingänge, die in die Niederwallstraße (heute ulica Dolnych Wałów) führten. 1911 wurde die Synagoge erneuert, 1927 Sanitäreinrichtungen hinzugefügt.

In der Kristallnacht vom 9 auf den 10 November wurde die Synagoge durch einen Brand zerstört. Bald danach entstand an ihrer Stelle ein Kinderspielplatz. Für die Umzäunung verwendete man Teile der Außenmauern der Synagoge.

Am gegenüberliegenden Haus (was irreführend sein kann) wurde am 28 November 2003 eine Gedenktafel angebracht, die an den Brand der Synagoge und die Vernichtung der Gleiwitzer Juden erinnert. 2006 hatte man Überreste der Mauern, die den einstigen Spielplatz umgaben, leider weggeschafft. Sie waren das einzige, noch Sichtbare Andenken an die Synagoge.

Altersheim

Heute ulica Kościelna 2

2 ilustracje: Links das Altersheim. Unten der Kaufmann Hartwig Badrian, der Rat Artur Kochmann und Rabbiner Dr. Samuel Ochs nach der feierlichen Eröffnung des Hauses im Jahre 1926

Auf dem Gartengelände neben der Synagoge, dort wo früher die alte stand, wurde 1924, zum Preis von 140.000 Mark, das neue, nach Entwürfen der Firma Schönwald & Schober Altersheim gebaut. Es war für über sechzigjährige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde bestimmt, die arm und einsam waren. Wegen Gelmangel konnte der Bau erst am 5. Dezember 1926 in Gebrauch genommen werden. Heute hat dort Die Polizeistelle ihren Platz.

Ulica Plebańska 6.

1742 wurde Salomon Löbel, Pächter der städtischen Brauerei, als erster Jude Eigentümer eines Hauses. Es lag an der Plebańska 6.

Die von ihm gepachtete Brauerei befand sich auf der Rückseite der großen Parzelle am heutigen Plac Inwalidów Wojennych. Noch im gleichen Jahr übernahm der mit Schnaps handelnde Schankwirt Jakub Löbel („Löbel war damals noch nicht als feststehender Begriff, sondern als Namen des Vaters zu verstehen) das Haus auf der anderen Straßenseite, mit der heutigen Adresse Rynek 14.

1809 wird Jacob Händler, Sohn des in Gleiwitz seit 1794 ansässigen Ledergerbers Abraham, Eigentümer der Immobile an der heutigen ulica Plebańska. Auf der Etage über seinem Laden versammelten sich Juden, um die Tora zu lesen und zu studieren. Im XVIII Jahrhundert nannten aschkenasische Juden solche Orte Schulen, auf Jiddisch - Schul. Das aus dem Griechischen stammende Wort Synagoge (Haus der Zusammenkünfte) benutzten sie seltener, im XIX Jahrhundert verwendeten reformierte Juden die Bezeichnung Tempel. Im Judaismus ist es kein geheiligter Ort, Haus Gottes ist für fromme Juden nur der im 70 Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zerstörte Jerusalemer Tempel. Betreten durften ihn Priester, Israeliten hielten sich im Vorhof auf. Auch der Rabbiner (hebäisch - Meister) ist kein Priester wie wir ihn verstehen. Um die Tora gemeinsamen zu lesen, reichen zehn erwachsene Juden.

Obwohl der erste Gleiwitzer Rabbiner 1811 erwähnt wird, hatte der Raum in der ulica Plebańska wahrscheinlich schon in den 50ger oder 60ziger Jahren des XVIII. Jahrhunderts die Bedeutung einer Synagoge. Dokumente, die es bestätigen könnten, fehlen leider.

Das Haus an der heutigen Plebańska 6 blieb bis zum Ersten Weltkrieg im Besitz jüdischer Familien. Seine Eigentümer waren, der Reihe nach, Löbel Wollner (1885), Michael Schlesinger (1887) seine Witwe Johanna Schlesinger (1905) Gerg Leschnitzer (1907) und Heinrich Tischauer (1912-1914). Nachdem das Gebäude 1945 zerstört wurde, entstand an dieser Stelle ein neues.

Ulica Plebańska 8 und 10

Im XVIII Jahrhundert gehörte das Haus in der heutigen Plebańska 8 Isaac Silbergleich (1790-1850). 1853 erwarb es Bernhard Bermann, Bierbrauer und Gründer des in Oberschlesien ältesten Biergroßhandelsunternehmens. Die Aufschrift in Firmenpapieren bestätigt es.

Wertwolle Andenken an seine Familie sind Fotografien des Fotografen Wilhelm von Blandowsky aus den 60. Jahren des XIX Jahrhunderts. Darauf zu sehen ist Bermanns Frau Friederike (geboren 1824) und ihre vier Kinder sehen: Clara (geboren 1853, Joseph (geboren 1855), Salo (geboren 1857) und Thekla (geboren 1861). Salo wurde später ein geschätzter Gleiwitzer Arzt.

Ilustracja: Friederike Bermann, geb. Forell (1824-1911)

4 ilustracje: Friederike und Bernhard Bergmanns Kinder: Klara, Josef, talo und Thekla. Fot. Wilhelm von Blandowski, 60. Jahre des XIX. Jh.

Der nächste Eigentümer des Hauses, Eugen Kohn (1854-1903) ließ es umbauen und das Miethaus Nr. 10 anschließen. Hier gründete er ein Lokal mit dem pompösen Namen “Zum Bierpalast“. Małgorzata Kaganiec schreibt: Es war eines der größeren Lokale, hatte zwei große, im „altdeutschen Stil“ eingerichtete Säle, zwei kleinere, als Reserve, wenn besonders viele Besucher kamen, ein Büffetzimmer und vier kleine Hinterzimmer, die vermietet werden konnten. Im Keller war das Getränkelager.

Ilustracja: Eugen Kohns Waldschlöschen, 1899.

Außer der Brauerei Glückauf in Szobiszowice baute Kohns das malerisch im Stadtpark gelegene, 1896 eröffnete Waldschlösschen. Mit dem großen Freiluftrestaurant, Kinderspielplätzen und gutem Bier, war es für Gleiwitzer Bürger, deren Wohlstand wuchs, eine gern angenommene Neuigkeit.

Nach Kohns Tod wurde Fürst von Pless Eigentümer der Gebäude. Er brachte hier den Ausschank und das Firmenlager der Fürstlichen Tichauer Bierbrauerei unter. Eine Zeit lang (zumindest von 1905 bis 1913) wurden manche Räume vom Magistrat genutzt. Hier befand sich die Abteilung für soziale Angelegenheiten und ein Teil der Volksbücherei.

Ilustracja: Firmenbogen Eugen Kohns mit der Vedute des Waldschlöschens

 

Ulica Raciborska 1

Mitglieder der Gleiwitzer Familie Bujakowski waren nie besonders erfolgreich. Sie gehörten zu den durchschnittlichen Juden, von denen es in Gleiwitz viele gab. Vielleicht deshalb sollte man sie beschreiben.

Im Verzeichnis der Juden, die infolge des Judenedikts die preußische Staatsangehörigkeit erhielten, wird ein gewisser Jankiel Bujakowski aus Szalscha, Kreis Tost genannt. Jankiel ist das Deminutiv von Jakub. Hebräisch bedeutet dieser sowohl bei Juden als auch bei Christen beliebte Name “Der, den Gott schützt“. Da Jankiel aus dem Dorf Bujakowo bei Nikolai (heute Mikołów) stammte, wählte er, vermutlich von einer königlichen Anordnung gezwungen, den Namen Bujakowski. Heute weiß man, dass er sich in Schalscha mit Schneiderhandwerk und Kornhandel beschäftigte. Sein Sohn Salomon (1804-1905) war Pächter in der Siedlung Gwozdek (heute ein Teil von Zabrze), dann in Petersdorf, historisch Sobischowitz und Teil von Gleiwitz. (Heute Szobiszowice). Seine zwei Enkel, Jakob (1828-1907) und Marcus (1834-1905) waren in Gleiwitz Händler, da Jakob Steinkohle vertrieb, Schlesiens Reichtum, konnte sein Sohn Nathan (1853-1935) schnell aufsteigen und von Wilhelm Mucha eine alte Brauerei mit dem Quartal zwischen den heutigen Straßen: Raciborska, Krupnicza, Średnia und Kaczyniec. Kaum zu glauben, dass 1865 auf diesem Gelände 57 Personen gemeldet waren, obwohl sich hier eine Brauerei und sicher auch einige Geschäfte befanden.

An der heutigen Średnia hatte Natan Bujakowski einige Gebäude ausgebaut. Besonders bemerkenswert ist das im historisierenden Stil gehaltene Eckhaus mit reich verzierten Fensterumrahmungen, kleinen Balkonen und einem Erker, über dem das Datum des Baus mit dem darin eingeflochtenen Monogramm des Eigentümers: „18/NB/99“ zu sehen ist. Die Wohnungen hier waren an bedeutende Vertreter des jüdischen Bürgertums vermietet: In der ersten Etage wohnte Doktor Solo Bermann, in der zweiten Justizrat Kochmann. Für Nathan Bujakowskis Likörfabrik und den Alkoholgroßhandel wurde in der Presse geworben, anlässlich seines 75sten Geburtstages und der Goldenen Hochzeit mit seiner Frau Emma veröffentliche die populäre Wochenzeitschrift „Oberschlesien im Bild“ eine Fotografie des Ehepaares.

Nathan besaß viele Liegenschaften in der Stadt, in andere investierte er und verkaufte sie schnell. Zu den interessantesten gehörten die Gebäude in der Zygmunta-Starego-Strasse 12 und in der Korfantego 34 (diese übernahm 1921 sein Sohn Walter). Nathan selbst lebte in der Plebańska 9 von der aus Vermietungen bezogenen Rente. Nach seinem Tod übernahm Nathans zweiter Sohn Arthur (1883-1943) die Familiengeschäfte. In den 30ger Jahren wurde er unter dem Vorwand Kommunist zu sein, von den Faschisten verfolgt und 1943 nach Auschwitz Birkenau gebracht, wo er kurz vor Ende des Krieges starb.

Ilustracja górna: Nathan Bujakowski (1853-1935) mit Frau Emma, geb. Sittenfeld (1854-1934), Foto zum Anlass der Goldenen Hochzeit 1929. Fotografie aus dem Wochenblatt Oberschlesien Im Bild.

Ilustracja dolna: Datum der Errichtung und Initiale des Inhabers Nathan Bujakowski an der Ecke der heutigen Raciborska 1

Gotfried Bermann-Fischer

Gotfried Bermann (1887-1995), der in diesem Haus (Plebańska 8/10, S. ???) lebte, nahm nach der Eheschließung den Mädchennamen seiner Frau an. Als Gotfried Bermann-Fischer ist er einer der Gleiwitzer jüdischer Abstammung, die Weltkariere gemacht haben. Da er auch Biographien hinterließ, in denen seine Erinnerungen an Gleiwitz zu finden sind, möchten wir mehr über ihn berichten.

Gotfrieds Großvater war Bernhard Bermann, der Vater Solo Bermann (1857-1933). Mutter Elise (1868-1950) stammte aus Tarnowitz, heute Tarnowskie Góry. Ihr Vater, Simon Leschnitzer, besaß dort ein Sägewerk.

In Gottfrieds Geburtsjahr lebten die Bermanns noch an der Tarnowitzer Straße Strasse 11 (heute ulica Matejki), zogen aber 1898 in die Ratiborer Straße, (heute Raciborska) wo sie, bis Ende der 20ger Jahre, in der ersten Etage blieben. Nachdem Salo das Medizinstudium in München beendete (1886 verteidigte er seine Doktorarbeit über die Behandlung des Lungenkrebses), arbeitete er in Gleiwitz als Chirurg und Geburtshelfer. Darüber hinaus war er Stadtrat und Zweiter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde.

Sohn Gottfried meldete sich nach Abschluss des Gleiwitzer humanistischen Gymnasiums als Freiwilliger und diente im Ersten Weltkrieg als Offizier. Danach studierte er an den Universitäten Breslau, Freiburg und München Medizin. Anschließend arbeitete er als Assistent in der Chirurgie des Berliner Krankenhauses Friedrichshain.

1924 lernte Gottfried Brigitte (genannt „Tutti“, 1905–1991), die ältere Tochter des Verlegers Samuel Fischer kennen und heiratete sie im Februar 1926.

Der aus Ungarn stammende Samuel Fischer, zu seiner Zeit erfolgreichster Verleger für Belletristik, suchte seit dem frühen Tod des Sohnes Gerhart im Jahre 1913, einen Nachfolger, der sein Unternehmen führen konnte. Noch bevor Gottfried Brigitte heiratete, überzeugte Fischer den zukünftigen Schwiegersohn den Beruf zu wechseln. Seit 1928 leitete Berman also den Verlag. 1932 holte er seine Mutter und den damals schon todkranken Vater Salo aus Gleiwitz nach Berlin. in weiser Voraussicht gründete Gottfried Im gleichen Jahr, eine Gesellschaft in der Schweiz und transferierte dorthin die Rechte des Verlags. Den Teil, den es ihm zu übertragen nicht gelang, verkaufte er an seinen Nachfolger Peter Suhrkamp und ging dann nach Wien, wo er die in Deutschland mittlerweile verbotenen Autoren wie Thomas Mann oder Hermann Hesse verlegte. 1938, nach dem Anschluss Österreichs, flüchtete er mit der Familie in die Schweiz und von dort nach Stockholm.

Anfangs war Bermann noch verlegerisch tätig, in „Schutzhaft“ genommen, flüchtete er jedoch mit der ganzen Familie und kam, nach monatelangem herumirren mit der Mutter, der Frau, den drei Töchtern, der Schwiegermutter, der Schwägerin und ihrer Tochter von Stockholm über Riga nach Moskau, dann mit der transsibirischen Eisenbahn (in Holzwagons) nach Wladiwostok, und schließlich über Yokohama in die Vereinigten Staaten.

Opis do 2 ilustracji: Aussicht vom Balkon der Bermann-Wohnung an der heutigen Raciborska 1. Links 30. Jahre des XIX Jh., rechts die heutige Ansicht

Nach dem II. Weltkrieg kehrte Bermann unverzüglich nach Europa zurück, anfangs nach Amsterdam, wo er auch verlegerisch tätig war. Danach ging er nach Wien, schließlich nach Deutschland und lebte nun in Frankfurt am Main. Da es 1950 zum Bruch mit Peter Suhrkamp kam, mussten sich Autoren für Bermann oder Suhrkamp entscheiden. Bermanns größter verlegerischer Erfolg nach dem II. Weltkrieg, war Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“, herausgegeben hatte er auch Franz Kafka, die Manns und eine Reihe amerikanischer Autoren junger Generation.

1963 ging Bermann in Rente und widmete sich der Malerei, der Bildhauerei und dem Verlegen von Briefen und Erinnerungen. 1995 starb er in seinem Haus, der Casa Fischer, im toskanischen Camaiore. Beerdigt ist Bermann im Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee, neben dem Schwiegervater, der Schwiegermutter, den Eltern und der Frau, die 1991 starb.

Bermann veröffentlichte zwei autobiografische Bücher. Im ersten „Bedroht, bewahrt“ beschreibt er vorwiegend seine Erlebnisse in der Nazizeit, im zweiten, „Wanderer durch ein Jahrhundert“ erinnert er sich an sein langes Leben, er wurde 97 Jahre alt. Im „Wanderer durch die Jahrhunderte widmet Barmann Gleiwitz ein Kapitel “Gleiwitz, eine friedliche Stadt“:

Die Sozialstruktur dieser Industriestadt mit ihren 6o.coo Einwohnern glich Dutzenden von anderen Städten Oberschlesiens, dieses so oft umkämpften Grenzlandes. Wenn man ihre architektonische Physiognomie kennzeichnen will, so muss man sagen, dass es eine ausgesprochen hässliche Stadt war. Es gab ein Stadtparlament, das von einem demokratischen Oberbürgermeister geleitet wurde. Mein Vater, der nach Beendigung seines medizinischen Studiums in München als Wundarzt und Geburtshelfer, wie die praktischen Ärzte damals genannt wurden, tätig war, gehörte ihm als Stadtverordneter an; er war zudem zweiter Vorsitzender der ziemlich großen jüdischen Gemeinde, deren erster Vorsitzender, ein hoher Justizbeamter, wiederum eine leitende Position im Gleiwitzer Stadtrat einnahm. Eine wichtige Rolle im Leben der Stadt spielten die Direktoren der verschiedenen Großindustrien, die ihren Verwaltungssitz in Gleiwitz hatten, während die Fabriken, wie die Oberschlesische Eisenindustrie, die Nägel und Draht produzierte, oder die Huldschinsky-Werke, die nahtlose Röhren herstellten, am Rande der Stadt lagen. Sie hatten sich, angezogen durch die großen Kohlevorhaben, finanziert von westdeutschen Banken, hier angesiedelt. Die Leiter und höheren Angestellten dieser Firmen bildeten eine etwas exklusive Bevölkerungsgruppe, die als einzige einen gewissen Antisemitismus dadurch erkennen ließ, dass sie keine Juden in ihren Klub aufnahm. Davon abgesehen bestanden keine Unterschiede im Verkehr zwischen Juden und Christen.

(tu następuje tekst, który musi być jeszcze zadjustowany/Poprawiony)

Ilustracja grobowca: Die Gruft der Familie Fischer auf dem jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee. Fotografie: wikipedia/commons, Version vom 15.06.2016.

/poniższy tekst jeszcze do korekty, częściowego usunięcia/

                        ./.

Die Mehrzahl -
25

-
Zahl der Bevölkerung gehörte der katholischen Kirche
Aus dem Eckfenster unseres Speisezimmers sah ich die Ende
des 15. Jahrhunderts erbaute spätgotische Pfarrkirche, die
noch die Narben des Dreißigjährigen Krieges trug und deren
kühles Innere ich manchmal mit Ehrfurcht betrat
Die prunkvolle Fronleichnamsprozession, mit dem Erz
bischof unter dem Baldachin langsam dahinschreitend, b
gleitet von den mit weißen Spitzenhemden über ihren roten
Röcken bekleideten, Weihrauchgefäiße schwingenden Chor-
knaben, zog unter dem Balkon unseres Salon genannten
Staatszimmers vorbei-ein sich lahrlich wiederholendes Er.
eignis in unserem sonst so ereignislosen Leben.
Das Wichtigste in meinem damaligen Dasein war die
Freundschaft mit einem gleichgesinnten Schulkameraden
der sich wie ich für moderne Literatur begeisterte und mit
seinem immer reichlich gefullten Geldbeutel - er war der
Sohn des Generaldirektors der Oberschlesischen Eisenindu-
strie-bei Herrn Schirdewan kaufen konnte, was unser Herz
begehrte. Ermachte mich auch mit den großen Philosophen
bekannt - mit Schopenhauer, Kant und Nietzsche-, die für
einen Schüler des Gymnasiums als durchaus unzuträglich er
achtet wurden. Unsere langjährige Freundschaft übertrug
sich später auch auf seinen Vater, der mich noch viele Jahre
nach dem frühen Tod meines Freundes bei jedem seiner zahl
reichen Besuche in Berlin aufsuchte und mich wie eine
Sohn behandelte. Er gehörte zu jenen aufrechten Deutschen, denen der in den zwanziger Jahren aufkommende An
tisemitismus in den Kreisen der Großindustrie ein Horror
war
Die Akademiker, die Anwälte, Richter, Ärzte, Apotheker
in Gleiwitz rekrutierten sich zu einem hohen Prozentsatz a
us
dem jüdischen Bürgertum. Sie wurden unterschiedslos
 -allen Kreisen der Bevölkerung in Anspruch genomme
wenn es notwendig war. Die Alteren zeichnete der Staai
durch Titel aus: So war mein Vater Sanitätsrat, unser Haus
nachbar, ein gesuchter Anwalt, Justizrat. Eine wohlhabende
Kaufmannschaft zeigte in ihren Läden zwar keine Luxuswa
ren, aber doch alles, was zum täglichen Leben gehörte und
den bescheidenen Ansprichen der bürgerlichen Gesellschaft
genügte
Ein Teil der einen Kilometer langen Hauptstraβe' der
Wilhelmstraβe, vom >Rings, in dessen Mitte sich das Rathaus
und der schöne Neptunbrunnen befanden, bis zum Bahn-
hof führend, war das nachmittägliche Flaniergebiet für die
Schüler des Gymnasiums und der Realschule und der Schü-
lerinnen der höheren Töchterschule, die, gewöhnlich Arm in
Arm umherwandelnd, die begehrlichen Blicke der jungen
Männer ignorierten. Punkt fünf Uhr erschien der Direktor
des Gymnasiums, ein älterer Herr mit roter Nase, zum tig-
lichen Besuch eines in dieser Straβe gelegenen Bierrestau-
rants. Sobald er auftauchte, verschwanden seine Schüler
s Flanieren war ver
litzartig von der Bildfäche, denn da
boten
Seinen besonderen Akzent gaben dieser Promenade die
Offizie
re des in Gleiwitz stationierten Militärs. Es waren das
Infanterieregiment Nr. 22 und das Ulanenregiment Nr. 2,
dessen Offiziere zumeist dem Adel angehörten und die ein
die Damen betörende Eleganz zur Schau trugen, mit der
die weit ärmeren Infanterieoffiziere nicht konkurrier
konnten.
Sensation machte der Besitzer einer neugegründet
n Apotheke. Wenn er, die Sou-
mit
brette des kleinen Gleiwitzer Theaters am Arm führend
langen, engen Hosen, auf Taille geschnittenem Lei
brock
                              ./.

Arthur Kochmann

Ilustracja: Arthur Kochmann (1864-1943)

Jonas Kochmann (1819-1892), von Beruf Klempner, war vermutlich ein guter Fachmann und auch ein sparsamer Mensch. 1852 wohnte er in der heutigen Bytomska 9 noch zu Miete, besaß aber schon 1858 ein eigenes Haus in der Bytomska 18. Verheiratet war Kochmann mit Ernestine, geb. Schüller (1825-1867) und nach ihrem Tod mir Rosalie, geb. Lipner (1830-1906). Aus diesen zwei Ehen hatte er 13 Kinder.

1887 erwarb er ein weiteres Haus in der Klosterstraße, genau gegenüber dem alten Gericht, mit dem sein Sohn Arthur später eng verbunden war.

Arthur Kochmann kam 1864 als fünfter der sieben Söhne und als achtes Kind seines Vaters Jonas in Gleiwitz zur Welt. Zunächst besuchte er hier eine private Schule, dann ein Gymnasium und studierte schließlich an der Berliner Universität Jura, wo er 1887 die juristische Prüfung ersten Grades bestand. (Es entspricht ungefähr dem Magisterium). Das Referendariat machte Kochmann an Gerichten und Staatsanwaltschaften in Glogau und Berlin. Die Prüfung zum Richter und Rechtsanwalt (das deutsche Hochschulsystem unterscheidet diese zwei Spezialisierungen nicht) legte er 1892 ab, arbeitete kurzzeitig am Gleiwitzer Landgericht und wurde 1893 Rechtsanwalt. Seit 1895 bis zur Machtübernahme der Nazis arbeitete Kochmann kontinuierlich für die städtische Verwaltung, zunächst als Vorsitzender des Handelsgerichts, dann als Stadtrat. Von 1898 bis in die Hälfte der 3oger Jahre wohnte Kochmann in der 2 Etage (in der 1 lebten die Bermans) des Eckhauses der heutigen Plebańska 1. 1911 erhielt er den Ehrentitel als Justiziar. Von 1915 bis 1943 war er Vorsitzender der Synagogengemeinde Gleiwitz. Ungefähr seit dem Jahr 1917 hatte er sein Büro am Ring (Rynek) 1. Von 1919 bis 1924 war er Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) im Preußischen Landtag. Zu ihren Gründern gehörten sowohl Juden, wie z.B. Albert Einstein und Walter Rathenau, als auch zukünftige Beamte des Nazi-Regimes wie z. B. Hjalmar Schacht, von 1933 bis 1939 Vorsitzender der Reichsbank.

 

Während des Referendums (1922) in Oberschlesien, als die Nachbargemeinden sich Polen zuwandten, plädierte er für die Zugehörigkeit zu Deutschland. 1928 wurde er Ehrenbürger der Stadt Gleiwitz. Ungefähr seit 1936 lebte er in der Mieteallee 7 (heute ulica Berbeckiego). Bis zu diesem Zeitpunkt war sein Büro in der Wilhelmstrasse 20. 1933 wurde er zum Vertrauensmann für Oberschlesien bei der Reichsvertretung der deutschen Juden erwählt. Nach 1933 kämpfte er für die Rechte der Jüdischen Minderheit, unter anderem nahm er an Vorbereitungen der Bernheim-Petition teil.

1937 wurde Kochmann von der Liste der Notare gestrichen und erhielt Arbeitsverbot.

Arthur Kochmans Frau Selma war die Tochter des Kattowitzer Rabbiners Jacob Cohn. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Sohn Hans, der sich 1931 sich aufgrund einer Depression das Leben nahm und Tochter Susanne.

Ilustracja: Arthur Kochmann, seite Tochter Susanne, Schwiegersohn Giuseppe Renzetti und Ehefrau Selma geb. Kohn. Fotografierd während der Hochzeitfeierlichkeiten 1927 in der Wohnung der Kochmanns in der heutigen Raciborska 1

Susanne und die Nazis.

Ilustracja: Susanne Renzetti, Fotografie aus dem Modejournal „Die Dame“, 1934.

Entsetzlich unarisch, aber klug, voller Energie und eine echte Faschistin - so beschrieb Josef Goebbels in seinem Tagebuch Susanne Kochmann (1905-1974).

Die Geschichte dieser Eintragung nimmt ihren Anfang in Gleiwitz. Unter den Soldaten, die den Verlauf des Plebiszits in Oberschlesien beaufsichtigten, war der große, gutaussehende, elegante Major Giuseppe Renzetti, ein hochdekorierter Offizier der italienischen Armee und aktives Mitglied der Interalliierten Regierungs- und Plebiszit Kommission in Gleiwitz. Während französische Soldaten Sympathien eher für Polen hatten, standen Italiener auf Seiten der Deutschen und pflegten mit ihnen persönliche Kontakte. Susanne Kochman war erst 17 als sie sich in Renzetti verliebte. Genau zur gleichen Zeit als er Mitglied der faschistischen Partei Italiens wurde. Natürlich sahen es die Eltern nicht gern, einerseits wegen Susannes Jugend, anderseits auch aus religiösen Vorbehalten gegenüber einer Ehe „außerhalb“ der Religion. Renzetti inzwischen gründete in Deutschland italienische Handelskammern, versuchte hier lebende Italiener für die faschistische Partei zu gewinnen, verlegte eine Zeitung in italienischer Sprache und schickte regelmäßig an Mussolini geheime Rapporte über die Entwicklung in Deutschland. 1927, als Susanne und Giuseppe heirateten, war Renzetti bereits Generalkonsul in Leipzig. Zwei Jahre später wurde er als Chef der italienischen Handelskammern in Deutschland nach Berlin abkommandiert und dort zum Generalkonsul ernannt. Damals hatte Renzetti persönliche Verbindungen zu hohen Funktionären der NSDAP und war somit auch Mittelsmann zwischen Mussolini und Hitler. Susanne führte ein offenes Haus am Kurfürstendamm Nummer100, der damals elegantesten Straße Berlins. Ständige Gäste hier waren Göring, Rosenberg, Frick, Schacht, Goebbels und andere. Nach seiner Wahl zum Reichskanzler kam auch Hitler zu Besuch. Susannes gesellschaftliche Karriere bestätigt ihr von Eugen Josef Kossuth aufgenommenes Portrait, das am 17 Juli 1933 auf der Titelseite der „Eleganten Welt“, des damals populären Magazins für Damen erschien. Erstaunlicher Weise zeigt Susanne sich dort in einer bayrischen Tracht.

Zeichen der besonderen Stellung Renzettis und seiner Frau im nazistischen Berlin sind zwei Tatsachen: Zum einen waren Susanne als einzige Jüdin und Renzetti als einiger Ausländer, Gäste bei Hermann Görings Hochzeit mit Emma Sonnermann, zum anderen wurden die zwei Frauen bald enge Freundinnen. Nur mit den engsten Mitarbeitern traf Hitlers sich privat so oft, wie mit Renzetti - in den Jahren 1929-1941 insgesamt 42-mal, gelegentlich auch in Hitlers Haus in Berchtesgaden. Es war Renzetti, der Mussolini überredete, Hitlers „Mein Kampf“ zu veröffentlichen. Übersetzt hatte „La Mia Battaglia“ Professor Angelo Treves, ein Jude. Hitler erhielt dafür ein zweifach höheres Honorar als für die englische Ausgabe, was ihn zum Millionär machte. Dass Hitler vor seiner Wahl zum Bundeskanzler in privat geschlossenen Verträgen in der Rubrik Beruf „Kunstmaler und Schriftsteller“ eintrug, wissen nur wenige.

Erlauben wir uns, etwas zu fantasieren: Als friedliebende, miteinander in Eintracht lebende Befürworter der Leibeskultur traf sich Renzetti mit Hitler womöglich in dessen privatem Fitnessstudio. Wie man ja weiß, liebte Hitler die Muskeln der rechten, während stundenlanger Paraden im Hitlergruß erhobenen Hand, mit einem Expander zu dehnen.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme sank der Bedarf an Renzettis Dienstleistungen als Mittelsmann, offen standen ja jetzt offizielle Kanäle, hinter den Kulissen gab Renzettis nicht formale Stellung italienischen Diplomaten Grund zu Intrigen. Der damalige italienische Botschafter in Berlin (auch seine Frau war Jüdin und wetteiferte mit Susanne um die Stellung als Stern des Gesellschaftshimmels) erreichte, dass Renzetti 1935 für paar Monate ans Konsulat nach San Francisco ging. Als dann der Botschafter abgerufen wurde, kehrte Renzetti nach Berlin zurück. Seine deutschen Kameraden, begrüßten ihn enthusiastisch, Goebels zum Beispiel, schrieb in sein Tagebuch: „Gott sei Dank, er ist wieder da“. Graf Ciano jedoch, nachdem er Mussolinis Schwiegersohn wurde, delegierte Renzetti unverzüglich in die Stockholmer Botschaft. Dass Renzetti sich nach Mussolinis Sturz im Jahre 1943 auf die Seite des Königs stellte, verschloss ihm den Weg nach Deutschland. Es war aber auch das Todesurteil für Arthur Kochmann.

Mit Sicherheit wurde er dank der Stellung seiner Tochter nicht gleich nach Auschwitz deportiert, musste auch nicht, wie die anderen Gleiwitzer Juden, in das provisorische Getto in der Niederwallstrasse 7. Erhalten geblieben ist der Briefaustausch zwischen Susanne und Hans Hinkel, einem hochrangigen Beamten im Propagandaministerium, den Susanne um Hilfe bat. Die Gehorsamsverweigerung Mussolini gegenüber zerstörte den Schutzschirm, man muss jedoch unterstreichen, dass Kochmann die Verbindungen nicht nutzte, um zur Tochter nach Stockholm zu kommen. Kurz vor Weihnachten 1943, einige Tage vor seinem 79 Geburtstag, wurde er verhaftet, ins Gleiwitzer Gerichtgebracht und, vermutlich als letzter der Gleiwitzer Juden, nach Auschwitz deportiert. Sein genauer Todestag ist nicht bekannt.

 

Nach dem Krieg lebte Susanne mit ihrem Mann auf dessen Familiengütern in Castalina Maritima bei Pisa. Renzetti begann seine Autobiografie zu schreiben, wurde aber 1953 dabei vom Tod unterbrochen. Man weiß, dass Susanne ihn um zwanzig Jahre überlebte und 1974 starb.

In seiner „Reise in die Kindheit“ betont Bienek, dass zumindest eine Straße Arthur Kochmanns Namen tragen sollte. In der Gleiwitzer Tetralogie legt er ihm folgende Worte in den Mund: Hier ist mein Zuhause. Hier möchte ich begraben werden“.

 

Judenstraße

heute ulica Krupnicza.

1865 hieß die heutige Krupnicza noch Judenstrasse, später, jedenfalls nach 1884, Karlsstraße. Im jüdischen waren damals nur zwei Gebäude: das Haus Nummer 4, dessen Eigentümerin Rosalie Schott, geb. Lansberg war und das Haus Nummer 11, das Aron Löbl Herz gehörte. Beachtenswert ist das hübsche, gut erhaltene Mietshaus Nr. 4: Vermutlich wurde es in den 60. Jahren des XIX. Jahrhunderts gebaut. Die von einem Bogen umschlossenen Fenster im ersten Stock (in späteren Jahren verschwinden Details dieser Art), der Stil der Pilaster im Parterre und die Ausführung des Frieses am oberen Gesims weisen darauf hin. Im hinteren Bereich des Gebäudes war eine Bierbrauerei mit Bierausschank im Parterre. Sie gehörte ausschließlich jüdischen Bierbrauern und blieb infolge familiärer Verbindungen stets in jüdischer Hand.

Erster Eigentümer dieser Immobile war (seit 1821) der 1834 verstorbene Israel Lansberger, als nächster der Mann seiner Tochter Rosalie (1806-1873), dann Moritz Schott (1798-1864), später Fritz (Fischl) Kochmann (1837-1920), der Mann von Schots Tochter Henriette (1836-1918) primo voto Bender. Nachdem Fritz Kochmanns Kadenz als Stadtrat endete, seine Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde ablief und er daraufhin aus Gleiwitz wegzog (in Akten von Neustrelitz, heute Strzelce Opolskie, blieben Eintragungen erhalten, dass er Schatzmeister der Verbindung jüdischer Gemeinden im Notariat in Oppeln war) wurde der aus Namyslau, heute Namysłów, stammende Max Sittenfeld (1852-1904) Besitzer des Hauses Nummer 4. Sp<&a